Zeitgeist - Verwirrung um das Verständnis von Antisemitismus
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
(DE) Ich weiß über mich selbst, dass ich noch niemals in meinem mittlerweile langen Leben Hass auf Juden und auf Israel und deren Bewohner empfunden habe, wie auch noch nie auf andere Religionen, Nationen und Ethnien. Ich bin mir sicher, keinesfalls und zu keinem Zeitpunkt Antisemitin gewesen zu sein, selbst dann nicht, wenn ich die Politik des Staates Israel nicht richtig fand und kritisierte. Heute, 2025/26, kann man das im Rahmen eines öffentlichen Diskurses nicht mehr mit Bestimmtheit von sich sagen. Was hat sich geändert?
In den 2020er Jahren, besonders nach dem Terroranschlag der Hamas auf israelische Bürger in Israel 2023 und der anschließenden Bombardierung Gazas durch die israelische Armee, hat sich eine sehr kontroverse Diskussion um die Grenze zwischen politischen und antisemitischen Aussagen in unserer Gesellschaft entwickelt. Es herrscht diesbezüglich Verwirrung und Unsicherheit.
Während die einen antisemitische Merkmale erkennen oder auch in Aussagen hineininterpretieren, sehen die anderen darin Totschlagargumente, die Kritik verhindern sollen, und wieder andere verfallen in Schweigen, aus Angst als Antisemit bezeichnet zu werden oder aus tiefer Verunsicherung.
Ich fürchte diese Unsicherheit und diese Verwirrung in unserer Gesellschaft, weil dies zu Tabuisierungen führt und damit rote Linien nicht mehr erkennbar sind. Vorurteile werden nicht mehr in Dialogen bekämpft, sondern hinter vorgehaltener Hand weitergetragen. Verdächtigungen und Anschuldigungen vergiften das zwischenmenschliche Klima. Die ideologischen Untoten, der rassistische Judenhass und überhaupt der Rassismus aus längst vergangenen Zeiten, können unbemerkt auferstehen und unter uns wandeln.
Mit diesem Artikel „Zeitgeist - Verwirrung um das Verständnis von Antisemitismus“ will ich als Zeitgenossin der 2025/26er Jahre die Verwirrung um den Vorwurf des Antisemitismus in unserer Zeit beschreiben und gleichzeitig die Argumente für bestimmte Definitionen kritisch hinterfragen.
Mein Eindruck ist, dass in unserer heutigen Antisemitismus-Debatte oft politische und antisemitische Hintergründe vermischt werden. Diese Motive bzw. Gründe voneinander zu trennen, ist ein Anliegen des folgenden Textes.
Viele haben sich um eine Definition von Antisemitismus bemüht.
Ich habe über Jahrzehnte viele Bücher dazu studiert, eine Menge Essays gelesen, mir politische und rechtliche Texte angeschaut sowie Interviews zu diesem Thema gelesen, gehört und gesehen. Und ich bin immer noch dabei zu recherchieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Letztendlich hat der Kanon all dieser Quellen Schritt für Schritt sämtliche Klarheiten meiner Kindheit und Jugend darüber, was mit Fug und Recht als antisemitisch zu verstehen sei, beseitigt.
Antisemitismus sei Judenhass und Judenhass sei Rassismus wie die Abneigung gegen Schwarze oder Roma (damals Zigeuner genannt), glaubte ich als Kind der 50er und 60er Jahre zu wissen. So einfach ist das heutzutage eben nicht mehr!
Auch Meinungsäußerungen zur Politik des Staates Israel werden teilweise als antisemitisch stigmatisiert, ohne dass klassischer rassistischer Judenhass erkennbar wäre.
Israel bezogener Antisemitismus polarisiert wissenschaftliche Definitionen von Antisemitismus
Im Deutschland der Jahre 2025/26 stehen zwei von Wissenschaftlern erarbeitete Antisemitismus-Definitionen zur Verfügung, die nicht deckungsgleich sind und zu denen sich unterschiedliche politische Parteien und gesellschaftliche Gruppierungen bekennen.
Die „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ unterscheidet zwar zwischen Antizionismus (auf das Existenzrecht Israels bezogen) und Antisemitismus. Aber in den konkreten Debatten in der Öffentlichkeit verschwimmt diese Abgrenzung und sie wird häufig von offiziellen Vertretern deutscher jüdischer Institutionen und auch von den deutschen Antisemitismusbeauftragten der Länder und des Bundes nicht angewandt.
Denn es gibt eine weitere Antisemitismus-Definition aus dem Jahr 2016, ausgestattet mit Beispielen zu Israel bezogenem Antisemitismus, nämlich die Arbeitsdefinition der „International Holocaust Remembrance Alliance“.
Die Anhänger der einen Definition werten die andere ab und bestreiten deren Gültigkeit. Einigkeit? Eindeutigkeit? Klarheit? - Fehlanzeige! Somit sind diese Definitionen nicht wirklich hilfreich.
Das intellektuelle Ringen um die ultimative Antisemitismus-Definition eskaliert politisch und kulturell weiter, obwohl gleichzeitig der primitive rassistische Antisemitismus in den Straßen wieder auftaucht, Gewalt ausübt und die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland verängstigt.
Die Gewissheit meiner Kindheit und Jugend, nämlich dass Antisemitismus Hass auf Juden sei, einfach weil sie Juden sind, ist einer tiefen Verunsicherung gewichen. Antisemitische Einstellungen und Kritik an den politischen Handlungen des Staates Israel miteinander zu verknüpfen, ist umstritten und meiner Meinung nach auch sehr fragwürdig.
Für massive Kritik an den Handlungen der israelischen Regierung gab es in der Vergangenheit und gibt es auch heute gute politische Gründe ohne rassistischen Hintergedanken.
Kaum jemand konnte und kann beispielsweise verstehen, wieso der israelische Staat die fanatische, fundamentalistische und gewaltbereite Siedlerbewegung, die sich illegal auf palästinensischem Gebiet im Westjordanland niederließ und sich aktuell sogar verstärkt niederlässt, unterstützt.
Bereits vor dem Überfall der Hamas am 07. Oktober 2023 auf Israel, bei dem über 1200 Israelis niedergemetzelt und mehr als 200 Personen als Geiseln nach Gaza entführt und zum größten Teil getötet wurden, war in Deutschland der Blick auf die Palästinenserpolitik Israels ein kritischer. Während heute, 2025/26 die israelische Kriegsführung gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza gegeißelt wird, standen immer wieder Schikanen, Vertreibung und Schutzmaßnahmen wie die Mauer an der Grenze zu Gaza im Fokus der kritischen Weltöffentlichkeit.
Aber gerade Deutsche hatten aufgrund des Holocaust große Angst davor, Antisemitismus Vorschub zu leisten und hielten sich daher mit Mahnungen und Kritik an Israel zurück.
Teile der deutschen Gesellschaft forderten jedoch dennoch einen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Boykott Israels wegen seines Umgangs mit Palästinensern. Die bekannteste Bewegung "Boycott, Divestment and Sanctions" (BDS) wurde aber vom deutschen Bundestag 2019 als antisemitisch eingestuft und damit kaltgestellt.
Man mag ja, so wie ich, der Meinung sein, dass ein Boykott, der nicht nur Militär und Wirtschaft, sondern auch die Menschen aus Kultur und Wissenschaft betrifft, falsch ist, aber ist so eine Forderung Judenhass, also Antisemitismus?
Das Bombardement des Gaza-Streifens und der Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung durch Israels Armee seit Oktober 2023, wobei mindestens 70.000 Menschen ihr Leben ließen und unzählige verletzt wurden, ihre Existenz verloren und von einem angeblich sicheren Ort zum anderen gescheucht wurden, haben in der deutschen Gesellschaft eine tiefe Spaltung hervorgerufen.
Während die einen Israel des Genozids bzw. des Völkermords bezichtigen, fragen sich andere, ob diese Sicht nicht bereits Antisemitismus sei. Vertreter Israels und prominente Juden in Deutschland unterstützen diese Sichtweise und Einschätzung oftmals in der Öffentlichkeit.
Die Kritik an der Politik des israelischen Staates ist nicht identisch mit dem rassistischen Judenhass und der Verleumdung von Juden in den vergangenen Jahrhunderten, aber die Grenzen verschwimmen.
Ob etwas antisemitisch ist oder nicht, ist daher eine Frage der Definition und damit auch eine Frage der Instrumentalisierung, denn Definitionen bedürfen der anwendungsbezogenen Interpretation. Die sogenannte 3-D-Regel - Doppelstandard, Dämonisierung und Delegitimierung - ist ein Paradebeispiel für eine interpretationsbedürftige Definition von Antisemitismus.
3-D-Regel als Indikator für eine Einordnung als antisemitisch
Der israelische Politiker, Bürgerrechtler und Autor Natan Scharanski entwickelte zu Beginn dieses Jahrtausends eine relativ einfache Art, Antisemitismus in Zusammenhang mit Kritik am Staat Israel zu identifizieren.
Dass man die Handlungen und Politik des Staates Israel kritisieren dürfe, ist zwar der allgemeine Konsens, die Überschreitung der Grenze zum Antisemitismus sei jedoch durch die 3-D-Regel gekennzeichnet: Doppelstandard, Dämonisierung, Delegitimierung.
So ein Schnelltest wäre ja in der öffentlichen Diskussion durchaus willkommen, aber schafft er wirklich Eindeutigkeit und Klarheit? Ist er hilfreich?
Ich kann nicht umhin, mir so meine Gedanken zu machen.
Doppelstandard heißt also, man dürfe an Israels Politik keine anderen Maßstäbe anlegen als an die anderer Länder. Soweit, so nachvollziehbar!
Wenn also gesagt wird, Israel habe mit der Vertreibung arabischer Palästinenser Unrecht getan und müsse dieses Unrecht wiedergutmachen beispielsweise durch die Anerkennung des Rückkehrrechts, ist das dann ein Doppelstandard? Werden andere Länder, die gleiches Unrecht begangen haben, auch kritisiert und zur Wiedergutmachung gedrängt?
Die Europäer in Süd- und Nordamerika, Australien haben das als Kolonialherren in den vergangenen Jahrhunderten mit den indigenen Völkern auch getan und eine Wiedergutmachung geschah höchstens in homöopathischen Dosen, wenn überhaupt.
Aber den Zeitgeist des Kolonialismus sollten wir eigentlich überwunden haben. Ein Vergleich mit der heutigen Situation in Palästina soll ja nicht an Maßstäben des 19. Jahrhunderts gemessen werden!
Oder ein anderes Beispiel aus der Gegenwart. Sind die Angriffe Israels auf Gaza, Libanon und Iran ebenfalls als Abwehrkriege zu verstehen wie der der Ukraine gegen Russland? Schließlich greifen Hamas aus Gaza, Hisbollah aus dem Libanon und Iran als Drahtzieher im Hintergrund Israel durchaus militärisch an!
Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Sind aber diejenigen, die den Feldzug des israelischen Militärs für keinen Abwehrkrieg halten, Antisemiten? Oder ist es nicht vielmehr so, dass es sich hier um eine politische und militärische Debatte handelt, der ein rassistischer antisemitischer Anstrich verpasst wird?
Dämonisierung bedeutet, man dürfe Israel nicht als „böse Macht“ oder als Teil einer Verschwörung bezeichnen.
Wenn beispielsweise die Handlungen des Staates Israel mit den Handlungen der Nazis verglichen oder gar gleichgesetzt werden, dann sei das Dämonisierung und gleich auch noch Relativierung des Holocaust, antwortet eine KI auf meine Suchanfrage. Soweit so nachvollziehbar!
Wenn aber jemand die systematische illegale Landnahme im Westjordanland durch die rechte Siedlerbewegung mit staatlicher Unterstützung, die brutale Zerstörung des Gaza-Streifens, das Aushungern der dort lebenden Menschen und dieTötung so vieler Zivilisten als Kriegsverbrechen und Genozid bezeichnet, dämonisiert er dann den Staat Israel?
Ich wage einen Vergleich.
Der russische Präsident Putin wird durchaus als Kriegsverbrecher gebrandmarkt, ohne dass jemand von Dämonisierung spricht. Russland sei für Angriffe auf zivile Infrastruktur in der Ukraine verantwortlich, heißt es in den Nachrichten als Begründung. Wobei in der öffentlichen Debatte häufig Putin mit Russland und Netanyahu mit Israel gleichgesetzt werden.
Niemand macht sich Sorgen, dass Putin und Russland dämonisiert werden könnten. Könnte es sich bei solchen Schuldzuweisungen dann um eine Dämonisierung Israels handeln?
Ich bin mir durchaus bewusst, dass das Antisemitismus-Kriterium „Dämonisierung“ auf die Erzählung vom destruktiven Weltjudentum, von den Intrigen durch die Macht der jüdischen Finanzen usw. abzielt. Aber wie wir an anderer Stelle noch sehen werden, ist damit nicht nur dieses leicht durchschaubare antisemitische Lügenkonstrukt gemeint. Der Begriff „Dämonisierung“ ist dehnbar.
Delegitimierung liege vor, wenn man das Existenzrecht Israels in Frage stelle. Dies ist das am häufigsten angewandte Kriterium für Antisemitismus und es ist in meinen Augen am fragwürdigsten, obgleich es in Deutschland zur Strafverfolgung lt. § 130 StGB führen kann. Der damit verbundene Vorwurf ist Volksverhetzung, stören des öffentlichen Friedens durch das Aufrufen zu Gewalt gegen Israel.
Das Existenzrecht Israels kann jedoch auf viele verschiedene Arten in Frage gestellt werden.
Israel ist ein jüdischer Staat bzw. ein Staat der Juden. Die wichtigste Bedingung dafür, dass er eine sichere Heimstatt für Juden darstellt, ist, dass Juden in der Mehrheit sind. Folglich ist die Forderung nach dem Rückkehrrecht der vertriebenen und geflüchteten Palästinenser auf das Staatsgebiet Israels ein Angriff auf das Existenzrecht Israels. Millionen von Rückkehrern würden die Mehrheitsverhältnisse grundlegend ändern und somit Israel als jüdischen Staat unterminieren.
Mir scheint, das ist ein politisches Dilemma, aber kein Antisemitismus.
Es ist mir durchaus klar, dass viele Palästinenser und die iranische Führung nebst anderen radikalen Islamisten wie Hamas, Hisbollah und Huthis den Staat Israel von der Landkarte tilgen wollen, dass diese den Juden niemals das Recht zur Staatsgründung auf dem Gebiet Palästinas zuerkannt haben.
Aber ist das für Europäer, allen voran für uns Deutsche ein brauchbares Kriterium, um Antisemitismus heutzutage zu identifizieren? Oder ist das nicht vielmehr Geopolitik und geopolitische Geschichte? Der heutige Konflikt wird dadurch natürlich nicht lösbarer, aber vielleicht weniger ideologiebehaftet.
Die Politik des Staates Israel dürfe man durchaus benennen und kritisieren, aber darf man sie vor dem Hintergrund der 3-D-Regel auch einordnen und bewerten?
Im Namen des Staates Israel ließ der israelische Ministerpräsident Netanyahu mit seinen äußerst rechts gerichteten Regierungsmitgliedern die Armee und die Geheimdienste seines Landes in Gaza wüten, den Libanon und einzelne Hisbollah-Angehörige angreifen, in Syrien Bomben abwerfen, in Iran und in Katar Angriffe fliegen, um Atomanlagen auszuschalten oder Hamas-Verhandlungspartner auf einen Schlag zu töten. Regierung und Armee unterstützen den Siedlungsbau im Westjordanland, wodurch die ansässigen Palästinenser ihr Land, ihre Existenz und oft genug ihr Leben verlieren. (Stand 2025)
Während man Russland und die Russen und allen voran den „Oberrussen“ Putin hemmungslos ob seines „völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieges“ gegen die Ukraine kritisieren, ja hassen und der Lügen bezichtigen darf, sogar die russische Seele als von Grund auf gewaltgeneigt bezeichnen kann, ohne als Rassist beschimpft zu werden, ist das gegenüber Israel, den Israelis und dem „Oberisraeli“ Netanyahu nicht so einfach möglich, ohne des Antisemitismus beschuldigt zu werden. Die Argumente sind in der 3-D-Regel angelegt, die es so für kein anderes Land gibt.
Polarisierung hinsichtlich der Bewertung des Gaza-Krieges 2023-2026
Das militärische Vorgehen Israels sei kein völkerrechtswidriger brutaler Angriffskrieg wie der Russlands bzw. Putins, sondern es handle sich um einen Abwehrkrieg, um Selbstverteidigung, argumentieren Länder wie beispielsweise Deutschland und natürlich Israel.
Ist das so? Wirklich?
Viele Menschen und ganze Staaten sehen den Tatbestand des Völkermords, ja eines Genozids gegeben und bekommen zu hören: Antisemitismus! Antisemitismus! Antisemitismus!
Rafael Seligmann, ein bekannter jüdischer deutscher Autor und Journalist, gibt dazu in seinem 2025 im Herder-Verlag erschienen Buch „Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen“ auf Seite 156 eine Erklärung:
„Die Bewertung des israelischen Abwehrkrieges als „Völkermord“ ist maliziös. Sie ist eine bewusste Relativierung der Shoa. Wer die attackierten Enkel der Nazi-Opfer zu Tätern stempelt, richtet damit die ermordeten Juden erneut hin. Er schreibt potenziellen Tätern einen Freibrief für einen neuen Völkermord aus. Jene, die dieses Vorgehen im Namen eines von durchsichtigen Interessen gesteuerten Völkerrechts gutheißen, rechtfertigen Antisemitismus und verleihen der Judenfeindschaft ein internationales Gütesiegel.“
Dieses Statement ist einschüchternd, erschütternd und für mich völlig unverständlich.
Nach jedem Satz brauche ich eine Erklärung.
Inwiefern ist das eine „bewusste“ Relativierung der Shoa?
Wieso sind alle Israelis Enkel von Nazi-Opfern?
Wieso richtet man die ermordeten Juden erneut hin, wenn man israelische Täter der Täterschaft bezichtigt?
Wieso würde ein Völkermord an Juden bzw. jüdischen Israelis durch eine politische Anklage der Vertreter des Staates Israel gerechtfertigt?
Wieso wird das Völkerrecht von durchsichtigen Interessen gesteuert? Ist das vielleicht eine Art Verschwörungstheorie?
Für mich erschließt sich die Logik seiner Thesen keineswegs.
Selbst wenn ich der Meinung bin, dass die Hamas das Leid der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen zu Propagandazwecken missbraucht, sie als Schutzschild benutzt und hauptsächlich an Eskalation interessiert ist, rechtfertigt das nicht die Lebensmittel- und Medikamentenblockaden, die Unterbrechung der Wasser- und Stromversorgung, die Bombardierung von Kranken- und Wohnhäusern, der Infrastruktur.
Auch Rafael Seligmann ist mit diesen inhumanen Maßnahmen nicht einverstanden, wie ich ihn verstanden habe, weswegen er von seinem Antisemitismus-Vorwurf aber nicht abweicht.
Ich möchte an dieser Stelle noch auf einen anderen Aspekt der Kriegsführung aufmerksam machen.
Im Zusammenhang mit dem Vorwurf, der Krieg in Gaza sei aufgrund der Masse an zivilen Opfern völkerrechtswidrig, wurde 2025 in der Öffentlichkeit ernsthaft diskutiert, wieviele zivile Opfer denn nun akzeptabel seien pro getötetem Kriegsteilnehmer.
Darf man Kollateralschäden in diesem Ausmaß in Kauf nehmen? Eine Frage, die, meiner Meinung nach, so nicht einmal gestellt werden dürfte und auf die niemand eine ethisch vertretbare Antwort geben kann.
Ist das Sanktionieren Israels mit dem „Kauft-nicht-bei-Juden“ der Nazis vergleichbar?
Genauso wenig kann ich das Argument gegen eine Sanktionierung Israels wegen seines Verhaltens gegenüber der palästinensischen Bevölkerung nachvollziehen.
Eine Sanktionierung sei wie das „Kauft nicht beim Juden“ der Nazis, meinte im Brustton der Überzeugung Jens Spahn, seines Zeichens Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion 2025 im Bundestag.
Wer so etwas behauptet, muss völlig geschichtsvergessen sein.
Der Angriff auf die Juden, besonders auf deren wirtschaftliche Basis in Nazi-Deutschland zwischen 1933 und 1945, aufgrund von Vorurteilen und staatlich geschürtem und gesteuertem Rassismus und Hass, ist nicht vergleichbar mit der Forderung nach Sanktionen gegenüber dem jüdischen Staat Israel.
Sanktionen im Jahr 2025 würden sich gegen einen Staat richten, der nach der Meinung vieler Menschen vor den Augen der Welt einem anderen Volk großes Unrecht antut.
Dass dieser Staat ein jüdischer Staat ist, sollte, ja darf dabei keine Rolle spielen. Das Gebot, keine Doppelstandards anzuwenden, wenn es um Israels Politik geht, gilt das auch im umgekehrten Sinn?
Und dennoch steht der Antisemitismusvorwurf im Raum.
Südafrika wurde wegen seiner Apartheidspolitik sanktioniert.
Russland wird sanktioniert wegen seines Angriffs auf die Ukraine.
Iran wird sanktioniert wegen seines Atomprogramms.
Nur Israel würde sanktioniert, weil alle antisemitisch wären und gegen einzelne und das ganze Judentum angehen wollten?
Ist man bei Israelis weniger zimperlich und statuiert ein Exempel an ihnen?
Dass kürzlich die Münchner Philharmoniker auf dem Flandern-Festival in Belgien nicht mehr auftreten durften, weil sich der israelisch-jüdische Dirigent Lahav Shani als musikalischer Leiter des Israel Philharmonie Orchestra nicht ausreichend vom Vorgehen des israelischen Regimes distanziert habe, ist ein unerhörter Skandal.
Dies sei Antisemitismus, ist von vielen Seiten zu hören. Begründet wird das teilweise damit, dass man nur mit Israel bzw. Israelis so umspringe, also mit Juden.
In der deutschen Wochenzeitschrift „Jüdische Allgemeine“, Nr. 38-39 vom 18. September 2025, heißt es auf Seite 1:
„Genau das ist Antisemitismus. Denn niemand käme in Belgien auf die Idee, ultimativ von Künstlern aus anderen Ländern vor Auftritt zu verlangen, auf Distanz zu ihren Heimatländern zu gehen. Doch bei Israelis ist man nicht so zimperlich, an ihnen wird ein Exempel statuiert, nur, damit das Gewissen der Konzertbesucher nicht belastet wird.“
Das ist ein fragwürdiges Argument. Ob in Belgien niemand auf die Idee käme, von Künstlern anderer Nationalität zu verlangen, auf Distanz zu ihren Heimatländern zu gehen, vermag ich nicht zu sagen. Aber in Deutschland wurden solche Forderungen durchaus gestellt.
Zur Erinnerung: Zu Beginn des Ukrainekrieges wurde von dem russischen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, in München auch verlangt, dass er sich von den Handlungen seines Heimatlandes distanziere. Er wurde letztendlich entlassen.
Auch die Opernsängerin Anna Netrebko wurde bedrängt und entsprechend gecancelt. Sie beanspruchte für sich die Meinungsfreiheit als Künstlerin keine politische Meinung äußern zu müssen.
Ein Leserbrief an die „Jüdische Allgemeine“, in dem ich meine Sichtweise darlegte und um eine argumentative Rückmeldung bat, blieb unbeantwortet. Offensichtlich herrscht derzeit im Hinblick auf Antisemitismusvorwürfe kein Klärungs- bzw. Diskussionsbedarf.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass oftmals mit zweierlei Maß gemessen wird, allerdings nicht unbedingt immer zum Nachteil Israels.
Ein Gedankenexperiment - ein Perspektivwechsel
Meine Verwirrung darüber, was nun eigentlich antisemitisch ist und was nicht, ist groß.
Ich versuche daher mir selbst einen Reim auf die Problematik zu machen, dass der Antisemitismusvorwurf von israelischen Politikern und auch in der Öffentlichkeit stehenden jüdischen Mitbürgern für mich immer wieder nicht eindeutig nachvollziehbar ist.
Ich versuche daher ein Gedankenexperiment, eine Art Perspektivwechsel!
Mich hat der Rat, erst dann einen anderen Menschen zu beurteilen, wenn ich einige Meilen in seinen Schuhen gelaufen bin, immer schon fasziniert.
Ich versuche also, mich wenigstens in die Lage jüdischer Israelis und deutscher Juden hineinzuversetzen unter Zuhilfenahme meines angeeigneten historischen Hintergrundwissens und einiger psychologischer Grundkenntnisse des wissenschaftlichen Teilgebiets „der Traumavererbung in der Epigenetik“.
Antisemitismus-Angst - Bestandteil des kollektiven jüdischen Gedächtnisses?
Im Grunde geht es mir darum aufzuspüren, inwiefern heutige Kritik am jüdischen Staat mittelalterliche Vorurteile und alte antisemitische Erzählungen sowie die damit verbundenen Gefahren und Ängste bei Juden wecken könnte.
Im Mittelalter wurde Juden unterstellt, dass sie am Shabbat Christenkinder opfern würden. Wenn die Einpeitscher in den Städten und Dörfern diese Lüge oft genug wiederholten, überlebten das die Mitglieder der ansäßigen jüdischen Gemeinden oft nicht. Der Mob tötete sie als Kindermörder.
Wenn nun propalästinensische Demonstranten 2025 durch die Straßen Berlins oder Münchens ziehen und mit Blick auf Israels Krieg in Gaza „Kindermörder! Kindermörder!“ skandieren, dann fühlt sich das für Juden definitiv gefährlich an. Und sogar mir, einer Außenstehenden, lief ein Schauer über den Rücken, als Demonstranten diese Parole brüllten.
Es spielt in diesem Moment keine Rolle, dass die Demonstranten auf die durch israelische Bomben getöteten Kinder in Gaza blicken und nicht an religiöse Menschenopfer denken. Im kollektiven Gedächtnis der Juden ist dieser Ruf als letzte Eskalationsstufe vor dem Pogrom womöglich eingebrannt. Also höchste Gefahrenstufe! Für Juden ist das nicht nur Geschichte, sondern historische traumatische Erfahrung, die sich vielleicht in den Genen verewigt hat. Epigenetik untersucht diese Art von Vererbung zwar nur im Hinblick auf den Holocaust des letzten Jahrhunderts, aber die Verfolgung von Juden geht ja noch viel weiter zurück.
Und erst recht die jüngere Vergangenheit steuert extreme Vorurteile bei.
Erzählungen der Neuzeit stigmatisieren Juden als Parasiten und verschwörerische Anhänger des Weltjudentums, das nur Böses im Sinn habe und die Weltherrschaft anstrebe. Die Nazis bauten diese Ideologie aus und verbanden sie mit der Rassentheorie des 19. Jahrhunderts.
Wenn man heute also Israel anprangert, an den Palästinensern Völkermord zu begehen, deren Land „From the river to the Sea“ sich einverleiben zu wollen, zu lügen und zu betrügen, dann kann sich das so anfühlen wie die Hetze der Nazis.
Was und wer in unserer Zeit hier und heute gemeint ist, tritt in den Hintergrund und die uralte Erfahrung von Verleumdung, Vertreibung und Vernichtung bricht sich Bahn.
Sind solche Zusammenhänge denkbar, solch unbewusste Reaktionen aus der Tiefe des kollektiven Gedächtnisses?
Ich habe oft von Israelis und auch von deutschen Juden die bittere Klage gelesen und gehört, dass ihre Situation, ihr Leid, ihre durchaus berechtigte Angst nicht wahrgenommen werden.
Vielleicht ist das wirklich so und das muss daher auch Ernst genommen werden. Vielleicht haben Nicht-Juden kein Sensorium für die Lebensgefahr, die von Schuldzuweisungen gegenüber Juden ausgeht, denn Nicht-Juden haben solche kollektiven Schuldzuweisungen fast immer überlebt.
Wenn etwas an der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Vererbung von traumatischen Erfahrungen dran ist, dann müsste das in der Diskussion um das Verständnis bzw. das Gefühl von Antisemitismus in unserer Zeit eine große Rolle spielen.
Wenn nicht Juden, wer sonst hätte über Jahrhunderte hinweg so existenz- und lebensbedrohliche Erfahrungen gemacht. Immer und immer wieder! Als Sündenböcke missbraucht!
Ich denke, dass der gesellschaftliche Konsens darüber, was man unter Antisemitismus zu verstehen hat, auch heute noch immer nah am Verständnis meiner Kindheit und Jugend ist. Die Verwirrung beginnt mit der Verknüpfung der Begriffe Antisemitismus und Israel.
Auf den Staat Israel bezogener Antisemitismus - eine fragwürdige Konstruktion?
Trotz der über Jahrhunderte andauernden Geschichte der Judenverfolgung in Europa muss sich der moderne jüdische Staat Israel, den es so vor 1948 noch nicht gab, heute der Kritik an seinem politischen und militärischen Handeln stellen. Gerade weil er ein Mitglied dieser Weltgemeinschaft ist und kein Parasit oder Weltverschwörer!
Das würde ich Gleichbehandlung ohne Doppelstandard nennen. Aber das scheint schwierig zu sein, denn man muss zwischen politischen und antisemitischen Motiven der Kritiker unterscheiden.
Es ist daher im Hinblick auf Israel noch ein weiterer Faktor zu berücksichtigen: Die dauerhafte Bedrohung, der permanente Kriegszustand, in dem sich die jüdische Bevölkerung seit 100 Jahren in Palästina und im späteren Israel befindet. Das ist eine Ausnahmesituation, die sich tief in das kollektiv Unbewusste eingebrannt hat.
Gibt es auf der Welt noch ein anderes geografisch kleines Land, das sich seit Jahrzehnten gegen eine Übermacht mehr oder weniger feindlich gesinnter Nachbarn behauptet? - Mir fällt keines ein.
Ein Blick in die Gründungsgeschichte kann eine Orientierungshilfe in der Gegenwart sein!
Aber die Kernfragen müssen anders lauten.
Ist die Feindschaft arabischer Nachbarn und der Palästinenser heute antisemitisch begründet oder nicht vielmehr politisch?
Und wenn man die historischen Wurzeln dieses sogenannten Nahost-Konfliktes ausgräbt, findet man dann arabischen Antisemitismus oder arabischen Nationalstolz, der zur Ablehnung jüdischer Einwanderung und der Gründung eines jüdischen Staates führte?
1936 - Juden in Palästina an der Hand der Kolonialmacht Großbritannien
Der Rückblick auf die Geschichte des arabischen Aufstands gegen die jüdische Einwanderung unter dem Schutz der Protektoratsmacht Großbritannien von 1936 ist aufschlussreich.
Arabischer Widerstand gegen massenhafte Einwanderung europäischer Juden
In dem Buch von Oren Kessler, „Palästina 1936 Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts“ wird die damalige Ausgangslage und die Diskussion darum, wer in Palästina leben dürfe, geschildert.
Der arabische Vertreter George Antonius sagt als Zeuge vor der Peel-Kommission aus und wird auf Seite 114 wie folgt zitiert:
„Der arabische Verstand ist während seiner ganzen Geschichte einzigartig frei von so etwas wie Antisemitismus gewesen, der, wie wir alle wissen, eine europäische und keine arabische Erfindung ist. (…) Die großartigsten Tage der jüdischen Blüte fanden statt, als die Juden unter muslimischer Herrschaft waren, sei es in Bagdad, Cordoba oder Kairo.
(…) Aber was die Araber sagen, und ich mit ihnen, ist Folgendes: Wenn diese Linderung (der Folgen des europäischen Antisemitismus - Anmerkung Autor) nur auf Kosten der Zufügung einer entsprechenden Not einem anderen Volk, dem Volk dieses Landes, erfolgen kann, so kann sie (gemeint ist Hilfe für die in Europa verfolgten Juden - Anmerkung Autor) nicht geleistet werden.“
In dieser Zeit von 1936 bis 1939 ging es hauptsächlich darum, wie Araber bzw. Palästinenser und Juden das Land untereinander aufteilen bzw. gemeinsam bewohnen oder ein Volk das andere verdrängen könnten.
David Ben Gurion und Chaim Weizmann sahen das Heil des jüdischen Volkes in der Heimstatt in Palästina nur, wenn Juden die Mehrheit bildeten. Die jahrhundertelange Erfahrung habe schließlich gezeigt, dass man als Minderheit immer wieder Pogromen hilflos ausgesetzt sei, lautete deren Argumentation.
Als der Teilungsplan, eine Zwei-Staaten-Lösung mit Bevölkerungs-Transfer, vorgeschlagen von der Peel-Kommission, durch die britische Regierung vorgelegt wurde, wird Ben Gurions begeisterte Reaktion auf Seite 130 wie folgt zitiert:
„Ich sehe in der Verwirklichung dieses Plans eine beinahe entscheidende Phase beim Beginn der vollständigen Erlösung und einen konkurrenzlosen Hebel für die schrittweise Eroberung des ganzen Landes Israel.“
Zum Thema Bevölkerungstransfer sagt Ben Gurion auf Seite 131: „Er kann uns etwas verschaffen, das wir noch nie hatten selbst als wir souverän waren, sogar in den Tagen des Ersten und Zweiten Tempels: die zwangsweise Verlegung von Arabern aus den Tälern, die dem jüdischen Staat zugeschlagen wurden.“
Oren Kessler beschreibt an Hand mehrerer Zitate den anti-arabischen, anti-muslimischen Rassismus der britischen Eliten, allen voran Winston Churchills, der schließlich dazu führte, dass jüdische Einwanderer in Palästina zu Beginn der Besiedlung wie kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungshelfer, eigentlich gemäß dem Gedankengut der damaligen Zeit als Kolonialisten, bevorteilt wurden.
Der Ursprung des Nahostkonflikts hat weniger mit Antisemitismus zu tun, sondern mit Nationalismus. Folglich muss selbst die permanente, bis heute anhaltende Bedrohung Israels als jüdischer Staat nicht automatisch antisemitisch begründet sein.
Man muss genauer hinschauen, ob Judenhass die treibende Kraft ist hinter der Feindschaft gegenüber Israel und auch die Infragestellung des Existenzrechts Israels ist nicht automatisch Antisemitismus wie es die 3-D-Regel postuliert.
Dieses Existenzrecht wurde von der britischen Regierung geschaffen, ist also ein Politikum, das auf antiarabischem Rassismus basiert.
Und die Begrenzung jüdischer Zuwanderung in Palästina 1939 durch die Protektoratsmacht Großbritannien auf Wunsch der arabischen Anführer ist dem drohenden Krieg mit Nazi-Deutschland geschuldet und hat auch nichts mit Antisemitismus zu tun.
Araber und Palästinenser, die eine Begrenzung bzw. das Ende jüdischer Einwanderung verlangten, hatten auch nicht unbedingt antisemitische Motive, sondern geopolitische. Einzig der Mufti von Jerusalem (Hadsch Amin al-Husseini) war ein Gesinnungsgenosse der Nazis und ein Antisemit. Er war der führende Kopf des Arabischen Aufstands (1936–1939) gegen die britische Mandatsmacht und jüdische Einwanderung. Aus dem libanesischen Exil heraus steuerte und blockierte er immer wieder die Verhandlungen.
Antisemitismus spielte allerdings durchaus eine Rolle beim Aufbau der jüdischen Heimstatt, wie es in den 1930er Jahren genannt wurde. Es war jedoch wirklich mehr ein europäisches Phänomen und kein arabisches.
Nazi-Deutschland verfolgte massiv die deutschen Juden und wollte sie zu diesem Zeitpunkt komplett aus Deutschland vertreiben. Die anderen europäischen Staaten und die USA wollten allerdings kaum bzw. sogar keine jüdischen Flüchtlinge aufnehmen. Antisemitische Vorbehalte? Vielleicht!
Während die jüdischen Anführer Ben Gurion und Weizmann bei den Briten um Flüchtlingskontingente für Palästina kämpften und bettelten, schielten diese auf den Nutzen der Araber in einem Krieg mit Deutschland und drückten die jüdischen Einwandererzahlen in der Hoffnung, sich Verbündete zu sichern. Gleichzeitig lehnten fast alle Länder dankend ab, wenn es um die Aufnahme von deutschen Juden ging. Die deutschen Nazis machten sich an ihr Vernichtungswerk.
Es ergibt sich die Frage:
Tragen wir - allen voran Deutschland, aber auch andere europäische Staaten wie beispielsweise Großbritannien - Verantwortung im Nahen Osten? - Ja, das denke ich schon!
Tragen wir gegenüber jüdischen Israelis und arabischen Palästinensern Verantwortung? - Ja, auch das ist meiner Meinung nach zutreffend.
Die Basis für den Nahost-Konflikt haben Europäer geschaffen. Für die Flucht bzw. Migration europäischer Juden nach Palästina sind hauptsächlich die deutschen Antisemiten verantwortlich.
Aber wird man beiden Konfliktparteien in Palästina gerecht, wenn man den heutigen Staat Israel mit dem Kampf gegen Antisemitismus verknüpft? - Mir erschließt sich das nicht.
Meine Recherchen führten mich zu einem anderen, besonders aufwühlenden Buch, das einen großen umfassenden Bogen vom Beginn der Suche nach einer jüdischen Heimstatt in Palästina Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart (2013) spannt.
Ein ehrlicher und erschütternder Blick auf Israels innere und äußere Kämpfe
Ich stieß im Jahr 2025 auf das 2013 erschienene Buch „Mein gelobtes Land“ von Ari Shavit.
Er, ein jüdisch-israelischer Schriftsteller und Journalist, beschreibt das grundsätzliche Dilemma seines Heimatlandes von Anbeginn im 19. Jahrhundert bis heute. Seine Verzweiflung und auch seine Ratlosigkeit, seine Wut auf verpasste Chancen und falsche Entscheidungen, seine Anklage bei gleichzeitig tiefem Verständnis für Ängste und Panik vor Vernichtung und Auslöschung haben mich tief beeindruckt.
Beim Lesen dieses Buches durfte ich noch einmal in meine romantischen Jugendvorstellungen eines Lebens im Kibbuz der 50er Jahre eintauchen, nur um dann auch mit dem daraus hervorgehenden Unrecht konfrontiert zu werden. Ich las von der hasserfüllten Abneigung und von tödlichen Überfällen der Araber auf Israelis, was meinem Bild aus früher Jugendzeit entsprach, um dann vom gnadenlosen Gemetzel israelischer Kibbuzniks oder Militärs an palästinensischen Dorfbewohnern zu erfahren.
Und Ari Shavit klärt sachlich und Anteil nehmend über die Uneinigkeit der israelischen Juden hinsichtlich des Umgangs mit den ansässigen arabischen Palästinensern und über den Unterschied zwischen einer „jüdischen Heimstatt“ und einem „jüdischen Staat“ auf.
Vor diesem internen, oft verstörenden historischen und zeitgenössischen Hintergrund wirkt die heutige Kritik an Israels Politik von außen wie ein schüchterner Einwand und nicht wie eine antisemitische Keule.
Der Nahostkonflikt und die Frage nach der Schuld
Ich kann wirklich sagen, dass ich mich darum bemüht habe, zu verstehen, warum jüdische Israelis und Palästinenser nicht zusammenkommen können.
Natürlich habe ich nach einem Schuldigen gesucht. Oder nach unterschiedlichen Schuldigen zu unterschiedlichen Zeiten. Oder nach dem „Point of no return“, von da an alles nur schief gehen konnte. - Hab ich etwas Eindeutiges gefunden? Eher nicht!
Wenn man dem Staat Israel das Recht auf seine Gründung als jüdischer Staat abspräche, dann hätte man den einen Schuldigen und wäre per Definition außerdem noch Antisemit.
Aber wo auf der ganzen Welt wurden keine Staaten zum Nachteil von Bevölkerungsteilen oder von Indigenen gegründet? Israel ist nur das jüngste Beispiel!
Würde es etwas ändern, wenn sich Israel zu dieser seiner Schuld bekennen würde? Wenn Israel Wiedergutmachung ins Auge fassen würde? Wenn die vertriebenen Palästinenser zurückkehren und ihren ursprünglichen Besitz zurückerhalten würden? - Keine Ahnung! Und vermutlich derzeit auch keine Option.
Wenn man auf der anderen Seite den arabischen Bewohnern Palästinas das Recht abspräche, sich gegen eine Teilung des Landes kompromisslos gewehrt zu haben und sich immer noch zu wehren, auch mit Gewalt, dann läge die Schuld auf arabischer Seite.
Aber nicht einmal die Anführer und Architekten der jüdischen Einwanderung, David Ben Gurion und Chaim Weizmann beispielsweise, sahen dieses abwehrende Verhalten als Schuld oder Antisemitismus an, sondern erkannten darin eine nachvollziehbare Reaktion. Teilweise unerwartet zwar, weil man ja als Juden aus Europa Geld, Wohlstand, Wissen und Geschäftsbeziehungen mitbrachte und somit zur „Zivilisierung“ beizutragen gedachte, aber letztendlich wolle ja kein Volk, dass auf seinem Land ein anderes Volk die Mehrheit bilde, wusste auch Ben Gurion. Und diese beiden jüdischen Anführer strebten gezielt die Mehrheit an, um nie mehr eine verletzliche und angreifbare Minderheit zu sein. Nachvollziehbar!
Spätestens 1936, lange vor der Staatsgründung Israels, wandten sich arabische Bewohner Palästinas gegen die jüdischen Nachbarn, nicht weil sie Juden waren, sondern weil sie in absehbarer Zeit eine Mehrheit sein würden und das auch sein wollten.
Antisemitismus ist das jedoch nicht.
Angst vor Überfremdung? - Ja!
Angst vor Marginalisierung der eigenen Kultur und Religion? - Ja!
Angst davor, den Kampf um Unabhängigkeit der noch im Entstehen begriffenen arabischen Nation zu verlieren? - Ja!
All das sind politische Beweggründe, wie sie viele Nationen in ihrer Geschichte aufweisen.
Es sind nachvollziehbare Ängste.
Und so ist die Frage nach der Schuld von außen betrachtet nicht zu beantworten. Beide Kontrahenten zu verstehen heißt, in einem Dilemma zu stecken.
Ganz besonders obsolet ist jedoch die Frage, wer die älteren historischen Rechte auf das Land habe. Wie weit soll man zurück gehen im historischen Verlauf? Auch wenn das die radikalen jüdischen Rechten Israels derzeit anders sehen, so können auch die arabischen Einwohner mit Fug und Recht Palästina als ihr Land bezeichnen.
Legitimes Rückkehrrecht für Juden und antisemitisches Rückkehrrecht für Palästinenser?
Das Buch von Adi Schwartz, Einat Wilf, „Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat“, hat mich gedanklich herausgefordert.
Die beiden liberalen Autoren und Befürworter der Zweistaatenlösung sehen in der Forderung der Palästinenser ein Rückkehrrecht zu haben, den wichtigsten Hinderungsgrund für eine friedliche Lösung des Konflikts.
Auf S. 12 im Vorwort heißt es:
„Das palästinensische Selbstverständnis als „Flüchtlinge aus Palästina“ und ihre Forderung, das „Recht auf Rückkehr“ einzulösen, spiegeln die tiefsten Überzeugungen der Palästinenser über ihre Beziehung zum Land und ihre Bereitschaft oder den Unwillen wider, ein Stück davon mit den Juden zu teilen. Und die strukturelle Unterstützung der Vereinten Nationen und die westliche finanzielle Unterstützung dieser palästinensischen Überzeugungen hat zu stetig steigenden Zahlen „Palästinensischer Flüchtlinge“ geführt und ist mittlerweile ein fast unüberwindbares Hindernis für Frieden.
Die palästinensische Forderung nach „Rückkehr“ zu dem, was 1948 der souveräne Staat Israel wurde, ist ein Beweis für die palästinensische Ablehnung der Legitimität eines Staates für die Juden in deren angestammtem Heimatland.“
Wer also das Rückkehrrecht der Palästinenser unterstützt, ist laut dem Prinzip Delegitimierung des Staates Israel ein Antisemit.
Allerdings kann ich dem Gedankengang an entscheidenden Punkten nicht so recht folgen.
Wenn es heißt, dass die Palästinenser nicht bereit seien, ein Stück des Landes mit den Juden zu teilen, dann sehe ich diese Einstellung entsprechend bei Israelis. Die Palästinenser haben ja nicht die Juden aus ihrem Staat vertrieben oder?!
Wieso eine Rückkehr der Palästinenser in ihre ursprünglichen Dörfer und auf ihre ursprünglichen Höfe, die sich nun auf dem Staatsgebiet Israels befinden, letztendlich eine Delegitimierung des Staates Israel sei, ist erklärungsbedürftig.
Haben Israelis Angst, eine Minderheit zu werden, wenn 6 Millionen Palästinenser zurückkehren? - Ja!
Haben Israelis Angst vor der Feindschaft und Rache der Palästinenser? - Ich denke schon!
Glauben Israelis, dass sie die älteren Rechte auf das Land haben? - Immer mehr scheinen davon überzeugt zu sein!
Doch Palästina ist für beide Völker „angestammtes Heimatland“.
Die Historie lässt eigentlich keine andere Sichtweise zu.
Wenn die Juden aus aller Welt nach zwei- bzw. dreitausend Jahren ein Rückkehrrecht nach Palästina haben, kann man das dann den Palästinensern nach nur gut 80 Jahren kategorisch verweigern? Wo ist in dieser Schlussfolgerung ein logischer Fehler?
Was mich jedoch besonders beschäftigt, ist, wo bei der Einschätzung der Politik Israels die sogenannte „Rote Linie“ zum Antisemitismus überschritten werden könnte.
Gibt es Israel bezogenen Antisemitismus überhaupt?
In Deutschland gilt im Jahr 2025/26 nach wie vor hauptsächlich die Leugnung des Existenzrechts Israels und die Delegitimierung Israels als jüdischen Staat als antisemitisch.
Aus diesem Grund fordern nicht nur deutsche Politiker, sondern auch die meisten europäischen Politiker die Zwei-Staaten-Lösung.
157 Staaten, darunter neuerdings auch europäische Schwergewichte wie Frankreich, Spanien und Großbritannien, Norwegen und viele mehr, haben vor Kurzem Palästina als eigenständigen Staat anerkannt. Ein Staat ohne Regierung, ohne legitimierte Volksvertretung und, besonders wichtig, ohne eindeutige Grenzen, also ohne Land! Das ist im Grunde nur Symbolpolitik.
Wieder einmal sind es neben den USA (von denen man im Jahr 2026 mit Präsident Donald Trump nicht so genau weiß, wofür sie stehen) hauptsächlich Europäer, die Palästina aufteilen und damit „befrieden“ wollen.
Mir scheint jedoch, dass israelische und palästinensische Politiker sowie eine jeweilige Bevölkerungsmehrheit, also die Betroffenen, genau diese Lösung nicht wirklich wollen.
Dass Israels derzeitiger Ministerpräsident Benjamin Netanyahu dieses Konzept nicht befürwortet, ist bekannt. Die Rechten in seiner Regierung sehen Judäa und Samaria, wie sie Palästina nennen, als ihr angestammtes Heimatland an, auf dem Araber nichts zu suchen hätten.
Angesichts dieser Bestrebungen wirkt die Delegitimierungs-Regel geradezu aus der Zeit gefallen!
„From the river to the sea…“ - eine Hassparole?
Es scheint fast so, als würden zumindest Teile der israelischen Politik und Gesellschaft in unserer Zeit mit dem Gedanken liebäugeln, ganz Palästina - eben „From the river to the sea“ - einzunehmen, zu besiedeln, als jüdisches Land zu festigen und zu sichern.
Deutsche Politiker wollen nicht glauben, was sich da im Nahen Osten anbahnt. Sie folgen lieber Erklärungen wie, dass die Siedlungspolitik und die Bildung von israelisch kontrollierten „Pufferzonen“ in Gaza und im Libanon Teil des Abwehrkrieges gegen Hamas, Hisbollah und die Drahtzieher im Iran seien.
Das mag durchaus auch sein, aber ist es die einzige Intention?
Außerdem läuft man ja durchaus Gefahr als Antisemit geoutet zu werden, wenn man Israel imperialistische Motive unterstellt. Dämonisierung Israels - ein Kriterium für Antisemitismus wie es in der 3-D-Regel festgelegt wurde?
Wohingegen die Feindschaft der Palästinenser und deren Bestreben, Israel zu vernichten, eine lange, teilweise terroristische Geschichte hat. Sie ist im Gedächtnis der Deutschen sehr präsent. Das ist sicher einer der Gründe, warum deutsche Politiker und Medien fast ängstlich und ganz bestimmt nicht vorurteilsfrei auf pro-palästinensische Demonstranten blicken.
Skandieren pro-palästinensische Demonstranten heutzutage in deutschen Städten „From the river to the sea Palestine will be free“, dann wird das als Aufforderung zu Gewalt gegen Israel gesehen, ist daher verboten und kann strafrechtlich verfolgt werden.
Allerdings kann aktuell jeder beobachten, wie der Staat Israel seine Einflusszonen in Palästina ausweitet und die der Palästinenser schrumpfen bzw. verelenden.
Ist das heutige Verständnis von Antisemitismus kontraproduktiv?
Ist in diesem Zusammenhang Parteilichkeit anständig, human und ehrenhaft?
Die Bundeskanzler von Angela Merkel, über Olaf Scholz bis hin zum jetzigen Kanzler Friedrich Merz sprachen und sprechen von deutscher Staatsräson, wenn es um die Sicherheit Israels geht. Worum geht es dabei? Wiedergutmachung? Zeigen, dass man Judenverfolgung, Judenhass, sprich Antisemitismus, nie wieder dulden wird?
Die politische Situation im Nahen Osten hat jedoch nichts mit diesem Kampf gegen Antisemitismus zu tun, welcher der historische Hintergrund für diese „Staatsräson“ ist.
Geht es in diesem Nahostkonflikt nicht vielmehr um Menschenwürde, Menschenrechte, um Freiheit und Gleichheit, um Völkerrecht und Gerechtigkeit, ja um Demokratie und Selbstbestimmung? Aufgrund der politischen Lage wurden Spannungen bis heute nicht aufgelöst. Eine gerechte Lösung in diesem Konflikt wurde bis heute nicht gefunden, am allerwenigsten von den Betroffenen selbst.
Wenn allerdings heute Palästinenser ganz Palästina für sich beanspruchen und das Existenzrecht Israels verneinen, dann ist das antisemitisch per Definition. Wenn rechts gerichtete Israelis ihrerseits das ganze Land beanspruchen, dann ist das was?
Was also könnte vor diesem Hintergrund Israel bezogener Antisemitismus sein? Ich erkenne nur politische Argumente und keine antisemitischen, auf Judenhass begründeten Argumente.
Ich frage mich, ob es nicht ein großer Fehler war, den Antisemitismusbegriff auch auf politische Belange des Staates Israel auszuweiten.
Wurde damit dem Kampf gegen Antisemitismus ein Bärendienst erwiesen?
Berichte in den Medien von gecancelten Vorträgen und abgebrochenen Reden, auch von jüdischen und israelischen Vortragenden wohlgemerkt, aufgrund von Tumulten und Antisemitismusvorwürfen häufen sich. Die Betroffenen stehen völlig verständnislos vor den Scherben einer Veranstaltung. (Links zu Medienberichten über aktuelle Vorfälle im Anhang)

Was eskaliert hier im Jahr 2025/26 gerade in Deutschland?
Ist die Definition von Antisemitismus so sophisticated und strittig, dass Verunsicherung um sich greift, die Menschen sich daher von der Diskussion zurückziehen und die Abwehr des eindeutigen, des rassistischen Antisemitismus geschwächt wird?
Das ist, meiner Meinung nach, sehr gefährlich. (AM)
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Quellen und Erklärungen:
Im Anhang befinden sich einige zusätzliche Informationsangebote, die nicht den Anspruch erheben, das Thema umfassend und in allen Facetten zu beleuchten. Aber besonders die Links zu Medien und die Literaturvorschläge aus den Jahren 2023 bis 2026 sollen einen Einblick in die zeitgenössische Diskussion zum Thema „Antisemitismus und Israel bezogener Antisemitismus“ geben.
Offizielle Quellen zur Definition von Antisemitismus:
In einer Veröffentlichung der „Bundeszentrale für politische Bildung“ heißt es :
„Wer in den vergangenen Jahren akademische und politische Debatten um Antisemitismus verfolgt hat, konnte um die Kontroverse um zwei Antisemitismusdefinitionen kaum herumkommen. Da ist zum einen die "Arbeitsdefinition von Antisemitismus" der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) – eine zwischenstaatliche Organisation, zu deren Aufgaben die Bekämpfung des Antisemitismus gehört. Ihre Arbeitsdefinition entstand in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen in einem Prozess zwischen 2003 und 2016. Zur Veranschaulichung wurde sie mit elf Beispielen für antisemitische Verhaltensweisen veröffentlicht, von denen sich sieben auf Israel beziehen.
Zum anderen ist da die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (englisch abgekürzt JDA), die 2020/21 explizit als Reaktion auf die IHRA-Definition von einer internationalen Gruppe von Wissenschaftler*innen verfasst wurde und 15 Leitlinien umfasst, davon zehn explizit mit Bezug zu Israel und Palästina. (…)
Kern der Kontroverse ist die Positionierung zum Staat Israel. Kurz zusammengefasst: Entsprechend der IHRA-Definition stehen bestimmte Aussagen über den Staat Israel per se im Verdacht, antisemitisch zu sein. Dazu gehört an zentraler Stelle die Infragestellung des Existenzrechts Israels als jüdischer Staat. Die JDA dagegen möchte den Antizionismus als solchen vom Verdacht des Antisemitismus freisprechen, weshalb unter anderem auch fünf Beispiele dafür aufgeführt werden, was "nicht per se antisemitisch" ist.“
(Quelle: Tom Khaled Würdemann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de; Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE; https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antisemitismus-2024/549358/israel-und-der-antisemitismus/)
Der Bundestag verurteilt 2019 Boykott-Aufrufe der BDS-Bewegung als antisemitisch.
3-D-Regel als eine Art Leitfaden, um Antisemitismus zu identifizieren.
Presseberichte und Fallbeispiele zum Antisemitismusverständnis 2025/26:
-SWR Podcast und Definitionen zur Frage: „Wann ist Israelkritik antisemitisch?“ Besprechung der 3-D-Regel.
-Bericht über einen Eklat. Der deutsch-jüdische Philosoph Jason Stanley musste seine Rede in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt abbrechen und den Saal über einen Seiteneingang verlassen, weil er kritische Anmerkungen zur Politik Israels gemacht hatte.
-Michel Friedmans Rede über Antisemitismus und Richard Wagner zum Auftakt der 150. Bayereuther Festspiele wurde kurzfristig aus Sicherheitsbedenken abgesagt.
Es gab kein Bedrohungspotenzial, keinen Vorverkauf und keine Bereitschaft zu einer Problemlösung, obwohl die Initiative ursprünglich von Katharina Wagner, der künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin der Festspiele ausging. Eine mysteriöse Entwicklung, über deren Hintergründe man nur spekulieren kann.
-Fallbeispiel: ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann:
Sophie von der Tann, Korrespondentin im ARD-Studio in Tel Aviv, wird in Deutschland bei der Verleihung des größten öffentlich-rechtlichen Fernsehpreises für ihre Berichterstattung, von Demonstranten massiv angefeindet und als antisemitisch diskreditiert.
Reporter ohne Grenzen erklären sich solidarisch mit der angegriffenen ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann und veröffentlichen weitere Fallbeispiele.
Bericht der Jüdischen Allgemeinen Zeitung über die Vorwürfe des Antisemitismus-Beauftragten Spaenle und des israelischen Botschafters gegenüber dem ARD-Studio in Tel Aviv.
-Kritische Diskussion um das Hilfswerk UNRWA für Palästinenser.
-Bemühungen um Dialog und Bildungsarbeit zum Nahostkonflikt.
-Ein deutscher Jude mit israelischen Wurzeln und eine Deutsch-Palästinenserin tauschen sich über die Situation und über Vorurteile aus.
-Die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher wirft den Münchner Kammerspielen Antisemitismus im Zusammenhang mit einer Podiumsdiskussion im Theater vor. Auf Nachfrage möchte sie ihren Vorwurf nicht genauer begründen.
-Ein Kommentar zum Staatsbesuch von Kanzler Merz 2025 in Israel, der besonders auf den Begriff Staatsraison im Zusammenhang mit der Sicherheit Israels abzielt.
-Das Oberverwaltungsgericht NRW fällte im November 2025 ein Urteil, in dem ein polizeiliches Verbot als rechtswidrig erklärt wird. In dem Urteil heißt es: „Das generelle Verbot eines Bestreitens des Existenzrechts des Staates Israel ist rechtswidrig. Das Existenzrecht des Staates Israel in Abrede zu stellen verwirklicht für sich genommen keinen Straftatbestand.“
Bücherauswahl zum Text:
Kessler, Oren: “Palästina 1936 Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts”, Rowman & Littlefield, Maryland 2023; Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München, 2025; S. 130; Anmerkung S.336/72
Schwartz, Adi; Wilf Einat: „Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat“, 2022, Berlin, Hentrich&Hentrich; Übersetzung aus dem Englischen von Micheal Pietrucha
Seligmann, Rafael: „Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen“, 2025, Verlag Herden GmbH, Freiburg im Breisgau
Shavit, Ari: „Mein gelobtes Land, Triumph und Tragödie Israels“, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Müller, 2015, C.Bertelsmann, München (Originalausgabe „My Promised Land: The Triumph and Tragedy of Israel“, 2013, Spiegel & Grau, New York)
Personen und Begriffe:
David Ben Gurion:
Chaim Weizmann:
George Antonius:
Mohammed Amin al-Husseini (genannt der „Mufti)
Peel-Kommission
Epigenetik
Hintergrundinformationen und Meinungen zu Israel bezogenen Diskussionen:
-Bericht über Diskriminierung bzw. undemokratische Gesetzgebung in Israel.
-Bericht über Folter eines Palästinensers durch israelische Reservisten, die vor Gericht gestellt wurden.
-Die israelische Armee versprüht Glyphosat über weiter Flächen des Südlibanon. Vermutet wird, dass eine ca. 10 Kilometer breite Pufferzone zischen Libanon und Israel auf libanesischem Gebiet unbewohnbar und für die Landwirtschaft nicht mehr nutzbar gemacht werden soll.
-ZDF-Dokumentation zu Hintergründen der feindlichen Beziehung zwischen Iran und Israel (zweiteilig)
-Gastbeitrag in der SZ, in dem Forscher, Schriftsteller und Experten nach ihrer Sicht auf den historischen Zionismus, den jüdischen Staat Israel und die Beziehung zu den Palästinensern befragt werden. Es sind erstaunliche Einblicke in eine Welt jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei.
-Gastbeitrag in der SZ, in dem die vorhandene Ungerechtigkeit in Palästina als solche anerkannt wird und aus dieser Akzeptanz die Zweistaatenlösung als einziger Weg zu einem dauerhaften Frieden gesehen wird.
-Streitgespräch zwischen Hamed-Abdel-Samad (Islamismusforscher, Ägypter) und Peyman-Engel (Redakteur der Jüdischen Allgemeinen)
-Bericht über Solidaritätskundgebung zu einem Anschlag auf das israelische Restaurant „Eclipse“ in München April 2026.
-Die israelische Konsulin in München bezeichnet die Demonstrationen vor dem israelischen Generalkonsulat, in dem u.a. gegen die Todesstrafe in Israel, de facto nur für Palästinenser, demonstriert wird, als antisemitisch. Mit dem Galgen für Netanyahu sei das gesamte jüdische Volk gemeint.
-Vorstoß hessischer Politiker das Anzweifeln des Existenzrechts Israels in der Form eines jüdischen Staates rechtlich zu sanktionieren. Kommentar zu diesem Vorhaben 2026https://www.sueddeutsche.de/meinung/deutschland-israel-existenzrecht-antisemitismus-cdu-kommentar-li.3472606
-Bericht über die Eskalation der Siedlergewalt im Westjordanland/Israel seit dem Überfall der Hamas am 07. Oktober 2023 und besonders dem Irankrieg 2026.
-Auf die Frage, ob Israel gemäß wörtlicher Auslegung der Bibel das Recht habe, große Teile des heutigen Nahen Ostens zu beanspruchen, antwortet Mike Huckabee (US-Botschafter in Israel): „Es wäre in Ordnung, wenn sie alles nähmen.“ Dafür erntet er heftige Kritik. Im Artikel heißt es:“Kurz darauf ruderte er zurück und sagte, Carlsons Frage sei irrelevant, da Israel keine solchen Absichten habe.” (Anmerkung Autor: David Ben-Gurion schreibt schon 1937, als die britische Kommission eine Teilung des Landes vorschlägt, er sehe „einen konkurrenzlosen Hebel für die schrittweise Eroberung des ganzen Landes Israel”.Quelle: Oren Kessler, “Palästina 1936 Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts”, Rowman & Littlefield, Maryland 2023; Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München, 2025; S. 130; Anmerkung S.336/72)
-Bericht über Bestrebungen der israelischen Regierung das Westjordanland in zwei Teile zu teilen und so der Zweistaatenlösung entgegenzuwirken. (Projekt von Israels rechtsextremem Finanzminister Bezalel Smotrich) https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/israel-vertreibung-westjordanland-beduinen-e535851/
-Kommentar in der SZ zu Netanjahus Aussage, Israel werde „Schritt für Schritt“ - 60 Prozent derzeit, als nächstes 70 Prozent - Gaza annektieren. https://www.sueddeutsche.de/meinung/kommentar-hamas-israel-gaza-besetzung-li.3490968
-Im Rahmen der LMU-Veranstaltungsreihe „Reden über … Antisemitismus“ geht der Soziologe Armin Nassehi der Frage nach, „Warum hält sich Antisemitismus so hartnäckig und wer profitiert davon?“ Und er versucht sich an einem Lösungsansatz. https://www.sueddeutsche.de/muenchen/antisemitismus-muenchen-lmu-armin-nassehi-li.3467841




