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Wes Geistes Kind bin ich? - Meine Geschichte mit dem Judentum und Israel

  • 18. Juni
  • 12 Min. Lesezeit

(DE) Die heutige Diskussion um Antisemitismus und die Haltung gegenüber Israel Mitte der 2020er Jahre beschäftigt mich sehr. Ich bin verunsichert. Bei welcher Denkweise, bei welchen Äußerungen und Einschätzungen wird die Grenze zum Antisemitismus überschritten? Bei manchen Erläuterungen wird mir Angst und Bang, denn ich könnte laut diesem Verständnis eine Antisemitin sein.


Das entsetzt mich, denn ich habe mich von Kindheit an mein ganzes Erwachsenenleben hindurch mit der Judenverfolgung und -vernichtung in Deutschland befasst. Ich weiß, dass ich mich lange Zeit sehr dafür geschämt habe, zum Tätervolk zu gehören, obwohl ich ja erst nach dem Krieg, 1953, geboren wurde. Ich wusste natürlich, dass ich selbst nichts Böses getan hatte, aber vielleicht ja die Menschen um mich herum und mit Sicherheit viele aus dem Volk, zu dem ich per Geburt nun einmal gehörte, ob ich wollte oder nicht. 

 

Und obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass sich Antisemitismus nicht in meinem Kopf, in meinem Herzen oder in meinen Genen festgesetzt hat, will ich zurückschauen. 

Mit welchen Erlebnissen und Einstellungen zu Juden und zum jüdischen Staat Israel war ich in meiner Kindheit und Jugend bis weit in mein Erwachsenenleben hinein konfrontiert und womit habe ich mich wie auseinandergesetzt? 

Judentum in meiner Sozialisation in den 50er und 60er Jahren

 Wenn ich in meine Kindheit zurück blicke, dann tauchen jüdische Menschen in Erzählungen durchaus auf und auch in persona. 


Meine Großmutter väterlicherseits war vor ihrer Verheiratung 1930 Dienstmädchen in privaten Haushalten gewesen, unter anderem auch in jüdischen Haushalten. Wenn sie mir in den 50er Jahren von ihren Erlebnissen mit den sogenannten Herrschaften, ihren Arbeitgebern, erzählte, war es nicht von Bedeutung, welche der herrischen, geizigen oder bösartigen Hausherrinnen jüdisch war. 


In den Augen meiner sozialistisch geprägten Großmutter waren die Herrschaften sowieso alle Angehörige einer Klasse, der sie misstrauisch begegnete. Es war keine Frage der Glaubenszugehörigkeit, sondern des gesellschaftlichen Status. Jüdische Stereotype habe ich von ihr nicht gehört, wohl aber Klassen-Stereotype. 


Sie war es auch, die von der Verfolgung und Vernichtung der Juden im Dritten Reich erzählte, womit sie mein kindliches Unrechtsempfinden anstachelte und ich stellte viele Male die Frage, die auch die 1949 geborene deutsch-jüdische Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und Buchhandels-Unternehmerin Rachel Salamander in ähnlicher Form ihren Eltern stellte: „Hat niemand den Juden geholfen? Warum hat denn niemand geholfen?“

 

Mit der Begründung, dass man dann selbst verhaftet worden wäre, konnte ich als Kind nichts anfangen. Es war einfach unerträglich, dass Menschen zu anderen Menschen völlig grundlos so gemein sein durften. 

Die mussten doch einsehen, dass das nicht richtig ist, meinte ich. 

Jemand hätte es ihnen sagen sollen, fand ich. 

Ihnen ins Gewissen reden, forderte ich.  


Ich erinnere mich, dass ich tagelang davon phantasierte, wie ich es vielleicht doch geschafft hätte, den Hitler davon zu überzeugen, dass man das nicht machen darf, andere Menschen einfach einzusperren, ihnen Böses anzutun und sie umzubringen. 

Tja, die Allmachtsphantasien eines sechs- oder siebenjährigen Kindes! 


Diese Erzählungen wirkten auf mich wie wahre Märchen, in denen böse Männer Böses taten und kein guter Geist oder Mensch für ein gutes Ende sorgte. Meine Gegenwart war von diesem Geschehen aber abgekoppelt, auch wenn meine Oma immer wieder mal von Bekannten oder Nachbarn behauptete, dass der oder die auch ein oder eine „Hitler“ gewesen sei. Damit meinte sie, dass diese Leute Nazis waren. Aber niemals wurde von bestimmten Juden, die sie gekannt hatte, und deren Schicksal gesprochen. Während also ehemalige Nazis durchaus immer wieder einmal Gestalt annahmen, blieben Juden ohne konkrete individuelle Gestalt schemenhaft. 

Ein großes Rätsel: Warum wollten Menschen Juden verfolgen und töten? 

Dieses Unrecht der Nazis und ihrer Anhänger zerrte an mir und die Auseinandersetzung mit der Geschichte, auch mit der Judenverfolgung des Mittelalters, begleitete mich ein Leben lang. 


Mein Interesse daran, wann, wo und warum Juden verfolgt wurden, ließ niemals nach. Ich wollte dahinter kommen, was Menschen dazu brachte, Juden zu diskriminieren und zu töten. Ich las und las und las und war nie zufrieden mit den Erkenntnissen. 


Wenn beispielsweise irgendwelche mittelalterlichen Grundherren, Kirchenfürsten oder sonstige Machthaber ihre Schulden bei einem jüdischen Geldverleiher loswerden wollten, indem sie den städtischen Mob gegen die Juden aufhetzten, sodass diese Pogrome durchführten, war das für mich noch keine ausreichende Erklärung für Judenhass, für Antisemitismus. 

Ich fragte mich: Wieso hassten die Leute, die gar keine Schulden bei Juden hatten, die Juden so sehr, dass sie sie töteten? Wie konnte das sein? Das ergab keinen Sinn! 


Auch religiöse Gründe leuchteten nicht ein. Jesus, Maria und die meisten Apostel waren doch Juden gewesen. Wie konnte man Juden verfolgen und beschuldigen, Jesus ermordet zu haben, wenn Jesus doch selbst ein Jude war, der von den Römern zu Tode gefoltert worden war?


Jede Geschichte führte zu Fragen, auf die ich keine befriedigenden Antworten bekam. 

Mein Versäumnis in der Familie nachzufragen! 

Vielleicht hätte es mir geholfen, wenn mir jüdische Erwachsene ihre Sicht auf die ältere und vor allem jüngere Geschichte erklärt hätten oder jemand, der jüdischen Mitbürgern nahe stand. Ich denke heute, dass das durchaus hilfreich gewesen wäre. 

 

Und dennoch fragte ich nicht genauer nach, wenn meine Mutter manchmal von ihrer Zeit unmittelbar nach dem Krieg als Haustochter bei der jüdischen Familie Citronenbaum erzählte. 


Daher weiß ich auch nicht, wie es dazu kam, dass sie in einem jüdischen Haushalt aufgenommen wurde. 


Manchmal berichtete sie von Regeln, die in der Küche ihrer jüdischen Gasteltern einzuhalten waren, und sie durfte offensichtlich mit in die Synagoge gehen, denn auch von diesen Ritualen erzählte sie immer wieder einmal. Aber man spürte, dass ihr die religiösen Sitten und Gebräuche fremd waren, nicht jedoch die Menschen, die sie betreuten. Ihnen war sie zugetan. Ihr sei es wirklich gut gegangen als Haustochter, meinte sie immer wieder. 


Weil meine beiden Großmütter in ihrer Jugend Dienstmägde gewesen waren, dachte ich als Kind, dass meine Mutter ebenfalls eine Zeit als Dienstmagd bei den Citronenbaums verbracht habe. Alles ganz normal. Spannend waren für mich ja die Erzählungen über gemeine und ungerechte, ja bösartige Herrschaften. Da konnte ich dann darüber nachdenken, wie ich gegen die angekämpft hätte. Hier war das nicht der Fall. Diese Welt schien ja in Ordnung gewesen zu sein, zumindest zu der Zeit, als meine Mutter Haustochter war. 


Darüber, was den einzelnen Familienmitgliedern während der Nazi-Herrschaft zugestoßen war, sprach meine Mutter kaum. 

Ich meine mich zu erinnern, dass sie erwähnte, die Verwandten der Familie Citronenbaum seien im KZ getötet worden. Wusste sie nicht mehr? Möglich wäre das durchaus, denn meine Mutter war ja noch fast ein Kind, als sie Ende der 40er Jahre als Haustochter betreut und später als Lehrling im Textilgeschäft Citronenbaum & Jagoda ausgebildet wurde. Weder als „Hauseltern“ noch als Ausbilder werden die Erwachsenen ihre traumatischen Erlebnisse mit dieser Halbwüchsigen geteilt haben. 


Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass über die Vergangenheit gar nicht gesprochen wurde, obwohl meine Mutter nie besonderes historisches Interesse zeigte. Es war für sie einfach kein Thema. Vielleicht ging ihr das Leid dieser Menschen, die sie wohl mochte, zu nah, war zu konkret, zu erschütternd. Vielleicht war es aber auch ein Tabu in der Nachkriegszeit über die Gräuel, die den Juden angetan worden waren, zu sprechen. Aus Scham, aus Hilflosigkeit, aus antisemitischen Gefühlen? 


Ich weiß es nicht, weil ich nicht nachgehakt habe! Nie! Auch als ich schon älter war nicht! Was hat mich abgehalten, Zeitzeugen wie meine Mutter zu löchern, wo ich doch jedes Buch zum Thema Judentum und Judenverfolgung, das mir in die Finger kam, mit großem Interesse verschlang? - Ich kann es mir nicht erklären. 


So vermag ich weder zu sagen, wie meine Mutter nach 1945 Haustochter einer jüdischen Familie wurde, welche familiären Verbindungen vielleicht existiert hatten und welches Schicksal diese Menschen hinter sich hatten, warum sie sich in Deutschland niederließen  und was sie von ihren deutschen Mitbürgern dachten und wie sie sich in diesem Deutschland fühlten.  

Ein Skandal 1971 ging an mir vorbei!

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass über einen Skandal bezüglich der Behandlung von Herrn Moses Leib Citronenbaum im Jahr 1971 durch die Stadt Regensburg in unserer Familie diskutiert worden wäre. Und ich muss sagen, bei uns wurde am Esstisch zu dieser Zeit - ich war 18 Jahre alt und provozierte gern politische Streitgespräche - ständig politisiert und diskutiert. 


Als ich im Rahmen meiner Recherchen zum vorliegenden Text zufällig auf diesen Artikel im „spiegel“-Archiv (siehe Link im Anhang) stieß, war ich überrascht und geschockt, dass ich von solch offensichtlich antisemitischen Vorgängen als Jugendliche nichts mitbekommen hatte. 


Ich möchte die Geschichte an dieser Stelle kurz zusammenfassen: 


1971 hegte die Regensburger Verwaltungsbehörde plötzlich Zweifel an der Deutschstämmigkeit von Moses Leib Citronenbaum, der als Mitglied einer deutsch-jüdischen Familie in der polnischen Kleinstadt Zmigoród geboren worden war. 


1961 hatte er bereits den Vertriebenenausweis erhalten, der ihm als „ehemaliger deutscher Volkszugehöriger“ lt. Bundesvertriebenengesetz (BVFG) zustand. Alle Nachweise gemäß § 6 BVFG für die Anerkennung waren von ihm erbracht worden.  

Diesen Ausweis nahm ihm die Behörde nun, 1971, aufgrund einer Volkszählung im Jahr 1921 in Polen wieder weg, weil in der Statistik keine Deutschen in Zmigoród vermerkt worden waren. 


Es wäre jedoch für die jüdische Familie zu keinem Zeitpunkt - weder unter polnischer Herrschaft noch in der Nazizeit - gut gewesen, sich explizit als Deutsche hervorzutun. Wer die Geschichte kennt, weiß wieso!


Was war geschehen?


Das Lastenausgleichsamt der Stadt hatte wohl den Antrag auf Lastenausgleich von Moses L. Citronenbaum erhalten und recherchiert. Den Daten einer 50 Jahre alten Volkszählung, durchgeführt in schwierigen Zeiten in Polen, glaubte man mehr, als den Nachweisen und Zeugenaussagen des Jahres 1961.

 

Und so musste er vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof nochmals alle Nachweise erbringen. Dieser entschied schließlich zu Gunsten des Angegriffenen. 


Allerdings konnte ich nicht fassen, was da in diesem „spiegel“-Artikel zum Schluss noch stand:

Von dem Zeugen O. wollte ein beisitzender Richter während der Verhandlung allen Ernstes wissen, ob bei der Familie Citronenbaum in ihrem Heim in der polnischen Kleinstadt damals das Parteiorgan der Nazis „Völkischer Beobachter“ (Link im Anhang) ausgelegen habe. 


So ein Hetzblatt bei einer jüdischen Familie?! Ein Beweis für deutsche Volkszugehörigkeit in der Nazi-Zeit?! Eingefordert im Jahr 1971? Ja was ging denn im Kopf dieses Richters vor?! So unbedarft konnte doch zu dieser Zeit niemand sein! 


Eine entlarvende Frage, wie ich finde! In welcher Zeit bzw. Gesellschaft lebten wir denn da? Die Historie verleugnen und um jeden Preis Juden das Deutschsein aberkennen? Das war doch Nazi-Gedankengut! 


Theoretisch wusste ich natürlich damals schon, dass viele Nazi-Juristen und -Beamte in der BRD in Amt und Würden geblieben waren. Aber ich hatte eigentlich geglaubt, dass sie sich wenigstens nicht aus der Deckung wagten, dass sie fürchteten, entlarvt und entlassen zu werden. 


Mein Gott, war ich in meiner jugendlichen Arroganz naiv! 


Ich glaubte oder hoffte vielleicht nur, dass sich die alten Nazis verkrochen hätten, weil sie uns, die Jugend, die nach der Wahrheit suchte, fürchteten. 


Ich glaubte oder hoffte zumindest, dass sich die Täter für ihre Taten oder ihre Untätigkeit während der Nazi-Zeit schämten, so wie ich mich für meine bloße Zugehörigkeit zum Tätervolk schämte. 


Als Zeichen meiner Solidarität mit Juden und dem Judentum häkelte ich eine Kippa und lief damit durch die Stadt. Natürlich erntete ich scheele Blicke, die nur deswegen scheel sein konnten, weil jemand das Zeichen des Judentums auf einem weiblichen Kopf, wo es eigentlich nicht hingehörte, erkannte. Für alle anderen war es ein unverfängliches Mode-Accessoires. 

Heute würde man sagen, ich habe mich der kulturellen Aneignung schuldig gemacht. Aber damals wusste man von solchen Vergehen noch nichts. 


Und ich blickte mit großem Interesse und einer rosaroten Brille auf Israel, den wohlverdienten Staat der Juden, wie ich damals dachte.  

Meine romantische Beziehung zu Israel 

Wann ich mit dem Staat Israel konfrontiert wurde, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich irgendwann, wohl auf der Schwelle zur Jugendlichen, davon träumte, ein Kibbuznik zu werden. Leben in einer Gemeinschaft! Neuanfang! Aufbau! Aufbruchstimmung! 


Ich denke, dass wir in der Schule davon hörten, dass die Juden ein herrliches blühendes Land aufgebaut hatten und noch aufbauten, das die dort ansässigen Araber nicht zu nutzen gewusst hätten. Deswegen würden sie die Israelis auch hassen und ermorden wollen. 

Da ich ja viel über die deutsche Judenverfolgung wusste, leuchtete mir das sofort ein. Sogar einen damals gängigen Witz konnte ich verstehen: „Hitler ist in den Suez-Kanal gefallen und als Nasser (gemeint war Gamal Abdel Nasser, der ägyptische Staatspräsident) wieder herausgekommen.“ 


Ich bewunderte dieses mir völlig unbekannte Land Israel. 


Den 1960 erschienen Film „Exodus“ mit dem charismatischen Paul Newman habe ich zwar erst später als Jugendliche gesehen, aber er unterstützte meine äußerst romantische Sicht auf Israel und die Israelis. 

Der Blick auf Israel verändert sich! 

Im Laufe der Jahre kam also zu dieser Geschichte des Judenhasses noch die Geschichte Israels und des Nahost-Konfliktes hinzu. Und hier änderte sich im Laufe der Jahrzehnte meine naive Sichtweise gewaltig. Sie wurde realistischer. 


Zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit diesem Konflikt in den 60er Jahren suchte ich noch allein bei den Arabern und Palästinensern nach Gründen für ihren vermeintlichen Judenhass. Ich meinte, dies sei der gleiche Hass, also Antisemitismus, wie er über Jahrhunderte in Europa sein Unwesen getrieben hatte und noch immer trieb. 


Noch ganz gefangen in meiner Israel-Romantik konnte ich die Abneigung der Palästinenser gegenüber den jüdischen Israelis nicht so recht nachvollziehen.


Noch 1983 verstand ich die beiden jüdischen Israelinnen, die in meinem Volkshochschulkurs in München bei mir Deutsch lernten, voll und ganz, wenn sie sagten, dass sie doch alle Einwohner Palästinas seien und es geradezu bösartig sei, wieso die Araber von den Golanhöhen auf sie herab schießen würden. 


Vielleicht hat mich auch das Wohlwollen dieser beiden Israelinnen mir gegenüber beeinflusst, obwohl ich doch eine Deutsche war. 

Besonders die gleichaltrige Hadas, mit der ich mich anfreundete, sprach mit mir über meine Schuldgefühle als Deutsche. 

Sie erzählte, dass ihre Familie in Israel völlig verständnislos, ja ärgerlich gewesen sei, als sie und ihr Mann beschlossen hätten, mit ihren beiden Kindern nach Deutschland zu ziehen, wo er eine gute Stelle angeboten bekommen hatte. Ihre Eltern seien zwar Holocaust-Überlebende und hätten daher natürlich negative Gefühle gegenüber Deutschland und den Deutschen, erklärte sie, aber dieses heutige Deutschland sei in ihren Augen ein anderes Land. 

Und meine Schuldgefühle verstand sie auch nicht im Geringsten. Für mich war das eine kleine Befreiung, muss ich zugeben. 

Diese beiden Frauen, Vertreterinnen Israels, passten so gut in meine Vorstellung von jüdischen Israelis. Selbstbewusst, freundlich, stark und menschlich! 


Aus heutiger Sicht kommt mir meine damalige Haltung fast philosemitisch vor. Es war jedoch mehr ein Wunschtraum, dass alles gut werden könne, und nicht die Vorstellung von „guten jüdischen Genen“. (Verkürzt ausgedrückt!) 


Ich hätte es so gern gehabt, wenn Israel unschuldig gewesen wäre. Aber, das musste ich mir im Laufe der Zeit schweren Herzens eingestehen, es war es nicht. 

Von Anfang an nicht!


Kriege, Attentate, Intifada und Berichte über Diskriminierung und Schikanen gegenüber Palästinensern sowie Geschichten von Vertreibung und Flucht führten einen Perspektivwechsel herbei. Ich las palästinensische und israelische Autorinnen und Autoren im Wechsel. Ich las sogar Theodor Herzls „Der Judenstaat“ aus dem Jahr 1896 in der Hoffnung, mehr über die Idee des Zionismus zu erfahren. Aber der Konflikt erschien und erscheint mir immer noch komplex.  

Ein schockierendes Erlebnis

Da fiel mir zu Beginn der 2010er Jahre ein Flyer in die Hände, der einen Vortrag über Israel und den Konflikt mit Palästinensern mit anschließender Diskussion im Gasteig in München ankündigte. Ich glaube, die Israelitische Kultus-Gemeinde lud dazu ein. Ich freute mich sehr auf diese Veranstaltung und erwartete mir Erhellendes zum Thema Nahost-Konflikt. 

Der israelische Redner, der sehr gut Deutsch sprach, erklärte, dass die Palästinenser in Gaza doch nur Ruhe geben sollten und ihre herrlichen Strände für den Tourismus aus Israel öffnen könnten. Er behauptete, dass in Israel die palästinensischen Israelis genau die gleichen Rechte hätten wie die jüdischen und auch gleich behandelt würden. 


Neben mir saßen drei jüngere Erwachsene, zwei Frauen und ein Mann, wovon eine Frau immer unruhiger wurde. Als Wortmeldungen zugelassen wurden, meldete sie sich und erklärte, sie sei jüdische Israelin und müsse den Ausführungen des Redners vehement widersprechen. Da wendeten sich die Zuhörer der vorderen Reihen mit wirklich hasserfüllten Gesichtern zu ihr um und schrieen sie nieder: Propagandistin! Propagandistin! 

Erschrocken verließen die drei und ich den Saal. 

Mit wem kann ich solidarisch sein? - Mit allen? Mit keinem?

So etwas hatte ich nicht erwartet. Dieses Erlebnis war schockierend und es verunsicherte mich zutiefst. Ich hatte nie wieder Gelegenheit mit Juden über Israel zu sprechen, bis ich Jahre später, nämlich im Oktober 2024, zu einer Demo vor der Ludwig-Maximilians-Universität München ging. 


Versammlungsort der pro-israelischen Demonstranten auf dem Geschwister-Scholl-Platz
Versammlungsort der pro-israelischen Demonstranten auf dem Geschwister-Scholl-Platz

Auf der einen Seite der Ludwigstraße, auf dem Professor-Huber-Platz, sammelten sich die pro-palästinensischen Demonstranten, die dort schon seit Monaten ein pro-palästinensisches Camp errichtet hatten. 

Pro-palästinensisches Camp vor Beginn der Demonstration mit wesentlich mehr Teilnehmern als hier sichtbar sind.
Pro-palästinensisches Camp vor Beginn der Demonstration mit wesentlich mehr Teilnehmern als hier sichtbar sind.

Ihnen gegenüber, auf dem Geschwister-Scholl-Platz, hatte sich eine viel kleinere Gruppe von jüdischen bzw. pro-israelischen Demonstranten zusammengefunden. 


Anlass war die massive Bombardierung Gazas mit unzähligen Toten und Verletzten, die Israel nach dem Angriff und Massaker der Hamas am 07. Oktober 2023 auf Israelis vornahm. 


Da ich schon mehrfach mit den Teilnehmern des pro-palästinensischen Camps an der Münchner Uni ins Gespräch gekommen war, hatte ich mir vorgenommen, die Gelegenheit zu nutzen, und mit der pro-israelischen Seite zu sprechen, um zu erfahren, wie sie auf die Situation blickten. 

Ein jüdischer Student, den ich fragte, ob er denn Gespräche mit den pro-palästinensischen Kommilitonen geführt habe, erzählte mir, dass er nur Drohungen und Todeswünsche zu hören bekäme. Ein Dialog sei nicht möglich. Ein älterer Herr, der sich zu uns gesellte, wartete mit Vorurteilen gegenüber Palästinensern auf, wurde aber von dem jungen Mann gestoppt. Sonst zeigte niemand aus der pro-israelischen Gruppe Interesse an einem Gespräch mit mir. 


Die pro-israelischen Demonstranten begannen selbstvergessen zu jüdischen oder israelischen Liedern vor sich hin zu tanzen. Fast zeitgleich formierte sich der pro-palästinensische Protestzug auf der Ludwigstraße in Richtung Innenstadt. Sie skandierten hasserfüllte Parolen wie „Kindermörder! Kindermörder!“, während sie an den tanzenden pro-israelischen Demonstranten vorbeizogen. 


Ich stand schaudernd zwischen beiden Gruppen. 


Die trotzig tanzenden jüdischen Demonstranten wirkten auf mich empathielos gegenüber dem Leid der Palästinenser in Gaza. Die hasserfüllten pro-palästinensischen Demonstranten wirkten in ihrem Hass aber auch abstoßend. 


Ich konnte an diesem Tag keine Solidarität empfinden oder zeigen. Beide Seiten waren mir fremd und gleichzeitig fühlte ich aber dennoch mit ihnen. Ihre jeweiligen Anliegen waren nachvollziehbar. 


Mein Platz an diesem Tag - ratlos und deprimiert zwischen beiden Parteien!
Mein Platz an diesem Tag - ratlos und deprimiert zwischen beiden Parteien!

Ich stellte mich daher einfach demonstrativ auf eine Verkehrsinsel in der Straßenmitte. Das hat natürlich niemanden beeindruckt, aber es entsprach meiner inneren Position. Hilflos! Ratlos! Aussichtslos! 


Habe ich als Zeitgenossin, als Europäerin, als Deutsche, als nicht unmittelbar Betroffene denn keine Chance diesen Konflikt wirklich zu erfassen und einzuordnen? Es gibt die Grundsätze des Rechts und der Humanität, aber ich habe das Gefühl, dass einen das in diesem Fall nicht immer weiterhilft. 

Schlussgedanken

Eine Frage werde ich wohl auch nie wirklich beantworten können, obwohl ich das gern wissen würde: 

Ist meine positive Haltung gegenüber dem Judentum ein Produkt meiner Schuldgefühle als Deutsche, als widerwillige Angehörige des Tätervolkes? Will ich in irgendeiner Form wiedergutmachen? Mich innerlich gegen Antisemitismus wappnen? Damit ich mich nicht auch eines Tages schuldig mache?


Die deutsche Regierung nennt so eine Haltung „Staatsräson“ und meint damit die Sicherheitsgarantie für Israel! Es brauchte dazu aber ein neues Antisemitismusverständnis - Israel bezogener Antisemitismus! 


Dieser grundsätzlichen Begriffserweiterung folge ich aber nicht, auch wenn ich mich daher immer wieder gegen Antisemitismus-Vorwürfe verwahren müsste. (TA) 

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Hintergrundinformationen: 


Rachel Salamander:


Link zum spiegel-Archiv, in dem der Artikel über die im Text erwähnte juristische Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen Kaufmann und der Verwaltungsbehörde geschildert wird.  


Info zu „Völkischer Beobachter“

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