Rentnerleidenschaften
(DE) Überall kann man lesen, wie Rentnerinnen und Rentner ihren Alltag gestalten könnten oder sogar sollten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem augenscheinlich hilf- und orientierungslosen Rentnern nicht wohlmeinende Ratschläge für ein zufriedenes und gesundes Leben gegeben werden.
Hervorzuheben ist hier die „Apotheken Umschau“. Diese allseits beliebte Publikation, unter Senioren auch „Rentnerbravo“ genannt, ist hierfür ein Quell der Inspiration. Sie gibt Tipps für Körper (Turnen bis zur Urne!), Geist (Täglich lerne ich Neues, doch niemals lerne ich aus!) und Seele (Der Mensch braucht soziale Kontakte!).
Aber auf der Suche nach einer sinnvollen Gestaltung meines eigenen Rentendaseins durchforstete ich zusätzlich mein Umfeld nach internationalen und nationalen Vorbildrentnern zwischen 60 und 70.
Die ersten fand ich in meinem Bekanntenkreis.
Nr. 1: John – der überzeugte Brite! Er zog der Liebe wegen mit 60 ins Sauerland und residiert nun mit seiner Frau in einer ehemaligen Fabrikantenvilla mit 600 Quadratmetern Wohnfläche und 2000 Quadratmetern Grund.
Diese Villa hat er nur gekauft, um genügend Platz für seine Leidenschaft zu haben.

Das sind Lautsprecher aller Art, die er selbst baut. Die drei Etagen der Villa sind zu zwei Dritteln mit Kabeln, Steckerleisten, Boxen, verschiedenen Werkzeugen und Messgeräten ausgestattet. Bewegt er sich durchs Haus, trainiert er automatisch seine Muskeln, denn es sind drei Ebenen und ein Kellergewölbe zu bewältigen. Im rot gestrichen Musikzimmer liegt er dann zur Entspannung auf der Chaiselongue und schwelgt in den himmlischen Sphären der feinen Töne, die für unsereins in diesen feinsten Nuancen nicht wahrnehmbar sind. Nebenbei rufen natürlich das denkmalgeschützte Gebäude, die umgefallenen Bäume und das ständig wachsende Gras nach seiner Aufmerksamkeit und körperlichen Fitness.
Nr. 2: Pierre - der Laissez-faire Franzose! Pierre hat es von Paris ins Ruhrgebiet verschlagen. Er lebt in einem Einfamilienhaus mit großem Garten zusammen mit seiner Frau.

Nach dem Frühstück setzt er sich sogleich in seinen bequemen Ledersessel, trennt aus der Zeitung die Seite mit Sudoku und Kreuzworträtseln heraus, legt die Beine hoch und schon betreibt er Gehirnjogging. Die Morgengymnastik besteht darin, dass er sich in das angrenzende Arbeitszimmer begibt, um an seinem PC Scrabble zu spielen. Der Geist ist trainiert, der Körper schleppt sich einmal pro Woche ins Fitnessstudio. Die Enkelkinder meidet er, sie stören seine Ruhe und Konzentration. Er betrachtet diesbezüglich seine Aufgabe als erledigt, denn er hat seine Gene weitergegeben und das war’s!
Nr. 3: Werner - der Kämpfer! Werner lebt in einem Haus in einer kleinen Siedlung in München.

Er hat sich entschieden, es seinen Mitmenschen nicht ganz leicht zu machen. Denn er hat sich der Münchner Verkehrspolitik und dem Umweltschutz verschrieben. Seine Leidenschaft ist es, für Fahrradwege zu kämpfen und auf dem Bürgersteig parkende Autos zur Anzeige zu bringen, was definitiv nicht zu positiven sozialen Kontakten führt. Als Fitnesstraining betrachtet er den Sprung vor Fahrzeuge, die in seiner Straße zu schnell fahren. Er hält die verängstigten Fahrzeuglenker fest, bis die Polizei kommt und ihn wegen Nötigung anzeigt. Seine Strafanzeigensammlung ist beträchtlich.
Nr. 4: Peter - der Sammler! Peter hat sich in einem kleinen Ort in Südfrankreich eingerichtet.

Günstig erwarb er drei Ruinen mit undichtem Dach und brüchiger Zwischendecke, die er im Ruhestand peu à peu in Eigenregie sanieren möchte. Aber die Hitze lähmt die Aktivität. Somit hat er einen guten Grund, sich in seine bereits umgebaute kühle Burg mit den vier Meter dicken Mauern zurückzuziehen und seiner Leidenschaft zu frönen: dem Kronkorkensammeln!

Aus einem extra dafür eingerichteten Raum holt er seine 35 000 Korken, sortiert sie, begutachtet sie liebevoll, schaut in die Kronkorkenbörse und freut sich über die Sammlerstücke, die er hat. Mehr braucht er nicht, um glücklich und zufrieden zu sein. Seine Frau reist ab und zu mit dem Flixbus aus München an, um die Ruinen zu begutachten.
Leider ist mir bislang bei meinen Recherchen noch kein passendes Vorbild untergekommen. Gerne warte ich auf Anregungen und bin auch für außergewöhnliche Vorschläge offen. (GeGo)




